WAZ vom 17. November 2008
DAS IST DER GIPFEL
Von Sascha Döring
"Wir alle sind Velbert" prangt es in großen Lettern auf den Plakaten und Flyern. Es ist Integrationsgipfel, der zweite in Velbert, und im Forum wimmelt es von Menschen. Tisch reiht sich an Tisch, zahlreiche Organisationen wollen sich und ihre Arbeit vorstellen. Da sind das Rote Kreuz, der Türkische Elternverband, der SKFM, die Arge ME-aktiv und viele, viele mehr.
Im großen Saal läuft seit dem Morgen ein umfangreiches Programm. Die Blechbläser der Realschule Kastanienallee begrüßen die Besucher, ebenso der Bürgermeister und der Vorsitzende des Integrationsrates, Cem Demircan.
Richtig voll wird es im Saal aber, als vier junge Menschen über ihren Lebensweg berichten. Unter dem Stichwort "Velberter Potenziale" wollen die vier Vorbild sein, zeigen, dass es auch junge Menschen aus Migrantenfamilien weit bringen können. Da ist zum Beispiel Najat Elamrati. "Ich war eher eine durchschnittliche Schülerin, aber dann habe ich im Rahmen einer Kooperation zwischen meiner Schule und einer großen Velberter Firma meinen zukünftigen Arbeitgeber gefunden", sagt die 21-Jährige. Der Besuch im Betrieb habe etwas bei ihr in Gang gesetzt. "Da wollte ich hin. Und plötzlich war mein Ehrgeiz geweckt." Sie blieb dran, machte ihren Abschluss, eine Ausbildung und ist inzwischen stellvertretende Ausbildungsleiterin. "Ganz wichtig: Wer eine Chance sieht, sollte zugreifen und engagiert an der Sache dran bleiben", rät sie anderen jungen Menschen.
Ähnliches erzählt auch Züleyha Ucar. Sie ist zwar nicht aus Velbert, hat aber dennoch viel zum Thema zu erzählen. "Unser Problem ist doch, dass wir im Familienkreis oft keine Vorbilder haben. Aus meiner Familie haben nur zwei Leute studiert. Eine davon bin ich." Deshalb sei es für Migrantenkinder ungleich schwerer, erfolgreich ins Berufsleben zu starten und - vor allem - erfolgreich zu bleiben. "Dafür ist die Unterstützung der Familie aber unglaublich, wenn man es tatsächlich schafft. Dann sind alle stolz auf einen. Es ist ganz toll für die Eltern, wenn das Kind ein Vorbild ist."
Auch Stjepana Sucic und Koricho Mulugeta erzählen aus ihrem Leben. Die eine, Sucic, floh mit ihrer Familie vor dem Krieg auf dem Balkan. Der andere, Mulugeta, kam aus Äthiopien in die DDR, dann über Umwege nach Velbert. Beide sind erfolgreich und beide möchten anderen Migranten etwas mit auf den Weg geben. "Setzt euch Ziele, die ihr erreichen könnt, habt einen Anspruch an euch", ermuntert Stjepana Sucic. Und Koricho Mulugeta hebt die Bedeutung von Arbeit und einem Job hervor: "Arbeit ist so wichtig. Dadurch habe ich Freunde gefunden und bin so sozial integriert worden."
Lob für den Integrationsgipfel gibt es wenig später von NRW-Integrationsminister Armin Laschet. "Die Identifikation mit dem Wohnort, der Stadt ist immer höher als die mit dem Pass", erläutert der Minister. Deshalb sei es sehr wichtig, was auf Stadtebene passiere. Wörtlich: "Wenn wir sagen .Integration gelingt vor Ort', dann denken wir an Städte wie Velbert." Unter großem Applaus fügt er an: "Die Menschen sollen lernen und erkennen, dass Deutsche eben nicht alle gleich aussehen, dass es beispielsweise auch dunkelhäutige Deutsche gibt." Deutschland brauche mehr Zuwanderer, die Lehrer sind, in den Medien arbeiten oder als Pädagogen tätig sind.
Die Aussteller sind zufrieden mit dem Gipfel. "Wir sind zum zweiten Mal hier und es ist eine gute Möglichkeit, uns und unsere Arbeit bekannter zu machen", sagen Fatis Celem und Berna Pakel vom Türkischen Elternverband.
Die Preisträger des diesjährigen Integrationswettbewerbs: 3. Platz (1000 €} an das AWo-Familienzentrum Nordstadt für den "Freizeit-Bolli". 2. Platz (1500 €) an die "Rainbow Cooperation", an der auch Najat Elamrati beteiligt ist. Hierbei handelt es sich um ein Projekt für Schulen und Elamratis Arbeitgeber. Platz 1 (2500€) geht an die Gerhart-Hauptmann-Schule für ihr "Rucksack-Projekt" zur Sprachförderung. Die Preisgelder stiftete die Sparkasse HRV.
KOMMENTAR
Integration ist ein wichtiges Thema und aufgrund der momentanen wirtschaftlichen Krise etwas aus dem Blick verschwunden. Gut, dass es Veranstaltungen wie den Velberter Gipfel gibt. Dort werden Erfolgsgeschichten präsentiert. Organisationen, Vereine und Initiativen können sich vorstellen. Doch es ist nicht alles gut, auch wenn es die Verantwortlichen nicht gerne hören werden. Denn die Zielgruppe, Bürger mit Migrationshintergrund, war nur unzureichend vertreten. Die, die ins Forum gekommen waren, gehörten entweder einem der Aussteller an, wurden ausgezeichnet, standen auf der Bühne oder waren Angehörige der zuvor genannten. Woran mag das gelegen haben? Ist die Aktion unzureichend oder gar falsch beworben worden? Sicherlich haben sich die Organisatoren sehr viel Mühe gegeben. Und die guten Absichten möchte ihnen niemand absprechen. Nur verfehlt der Integrationsgipfel sein Ziel, wenn die Betroffenen nicht erreicht werden.
Sascha Döring
Bei der internationalen Vorlesestunde in der Zentralbücherei wurden Texte in türkischer, italienischer, russischer, englischer und in deutscher Sprache vorgetragen: Kinderprogramm beim Integrationsgipfel. Foto: Uwe Möller/HM
Das Podium: Daniela Milutin vom Funkhaus Europa (links) moderierte am Samstag im Forum Niederberg den 2. Velberter Integrationsgipfel. Foto: Uwe Möller/HM